Das Dilemma mit den Jahresberichten und den Statistiken am Beispiel der Gastroenterititis infectiosa
14.07.2026
Biostatistik haben die meisten von uns nie gelehrt bekommen und wenn ja, dann meist nicht verstanden. Kein Wunder, dass wir dann teilweise Meldungen über vermeintliche Trends, die gar keine sind, unkritisch konsumieren.
So berichtet das Schweizerische Bundesamt BVL Anfang Juli 2026 anlässlich einer Vorstellung des Jahresberichtes 2025, dass die Zahl der lebensmittelbedingten Erkrankungen gegenüber 2024 nominal gestiegen sei. Die Autoren warnen – liest man den Text genau - allerdings auch davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Z.B. könnte eine erhöhte Meldemoral das Phänomen erklären.
Bei infektiösen Durchfallerkrankungen wird im deutschen Sprachraum von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen, von amtlicher Seite als „Untererfassung“ euphemisiert (HEUDORF u. GOTTSCHAK 2020). Lapidarer Grund: viele Menschen gehen erst gar nicht zum Arzt. Diese wiederum veranlassen in den seltensten Fällen eine sachgerechte, mindestens bakteriologische Stuhluntersuchung, weil diese Zeit benötigt und damit die Patientenerwartung kreuzt. Gesetzliche Meldepflichten an die staatlichen Gesundheitsämter liegen mittlerweile für viele Erreger bei den nachweisenden klinischen Laboratorien. Zusätzlich haben die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer häufig das Interesse, lange Krankschreibungen zu vermeiden.
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die einschlägigen Leitlinien der Ärztegesellschaften. Die sog. S2k Leitlinie der DGVS empfiehlt in „Kapitel 1: Diagnostik der ambulant erworbenen Gastroenteritis: Keine routinemäßige Erregerdiagnostik. Eine Erregerdiagnostik soll nur dann durchgeführt werden, wenn sich aus dem Ergebnis erwartungsgemäß medizinische, organisatorische oder melderechtliche Konsequenzen ergeben. [starke Empfehlung, starker Konsens]“ (ANONYM 2023).
Das bedeutet für die Beschäftigten z.B. der Lebensmittelwirtschaft, dass es von großer Wichtigkeit ist, anlässlich von Durchfallgeschehen die behandelnden Ärzte darauf hinzuweisen, dass man in einem entsprechend vulnerablen Bereich arbeitet. Empfehlung für die Arbeitgeber: das Befolgen des Hygieneplans resp. Der Hygienevorschriften als Dienstpflicht arbeitsvertraglich verankern.
Platz 1 der Schweizer Auswertung nahmen erneut Campylobacter-Keime ein, gefolgt von Salmonellen. Beide Bakterien sind Zoonose-Erreger. Gerade Salmonellennachweise in Fertigprodukten bzw. Fertigverpackungen sind immer wieder Auslöser für öffentliche Rückrufe. Wir berichten laufend. Schlussfolgerung: Lebensmittelunternehmen müssen die geltenden Hygienevorgaben einhalten und Eigenkontrollen durchführen, die eine hinreichende Lebensmittelsicherheit gewährleisten.
Campylobacter spp. fristen in vielen ärztlichen Praxen noch ein „Nischendasein“, d.h. man kennt sich mit dem vielgestaltigen Krankheitsbild einfach nicht so gut aus. Die Campylobacteriose imponiert nämlich nicht nur durch das Auftreten infektiöser Durchfälle, sondern auch durch die gefürchteten Immunkomplexkrankheiten wie der Formenkreis des GUILLAIN-BARRÉ-Syndromes, bei dem es u.a. zur Absiedlung von unproduktiven Antigen-Antikörper-Komplexen in den großen Gelenken (Perineuritis, Pseudoarthritis) und den Nervenbahnen mit multiplen Ausfallserscheinungen bis hin zu Amnesien (Gedächtnisverlust) kommt.
Quellen/Hinweise:
- https://www.blv.admin.ch/de/newnsb/VgaD6qS-zP6baUq23tZWk
- ANONYMUS (2023): S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) Version 2.1 – November 2023 AWMF-Registernummer: 021 – 024, zuletzt abgerufen am 5.7.26
- HEUDORF U, GOTTSCHALK R (2020): Meldepflichten für Infektionskrankheiten und Infektionserreger in Deutschland: Entwicklung und Verbesserungsvorschläge [Mandatory notification of infectious diseases and agents in Germany: development and suggestions for improvement]. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz63(6):777-789. doi: 10.1007/s00103-020-03150-7. PMID: 32399605; PMCID: PMC7217598, zuletzt abgerufen am 5.7.26
- MORISCH S u. HAUßER N (2025): Guillain-Barré-Syndrom – Eine seltene Erkrankung. www. https://www.journalmed.de/verschiedenes/guillain-barre-syndrom¸ zuletzt abgerufen am 5.7.26
- https://bav-onlineschulung.de/index.php
