Steckbrief zu Milchsäurebakterien (MSB)

Steckbrief zu Milchsäurebakterien (MSB)

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Steckbrief zu Milchsäurebakterien (MSB) in Lebensmitteln

Allgemeines

Milchsäurebakterien (MSB) stellen eine Gruppe mehrerer Bakteriengattungen dar, die Zucker zu Milchsäure vergären können. Darunter gehören z. B. die Gattungen Lactobacillus, Lactococcus, Streptococcus, Leuconostoc, und Bifidobacterium.

Viele Vertreter werden bei der Lebensmittelherstellung gezielt als Starter- und Schutzkulturen oder als probiotische Kulturen eingesetzt. Bei zahlreichen Lebensmittelgruppen spielen sie aber als Verderbniserreger eine Rolle, so z. B. bei frischem Fleisch, hitzebehandelten Fleischerzeugnissen, Fisch und Fischerzeugnissen, Feinkosterzeugnissen sowie Frucht- und Gemüsesäften. 

Eigenschaften

  • Kokkenförmige oder stäbchenförmige Bakterien
  • Gram-positiv
  • Oxidase-negativ (in der Regel)
  • Katalase-negativ

Herkunft / Auftreten

  • MSB kommen aufgrund ihrer hohen Nähstoffansprüche an wenigen natürlichen Standorten
    vor (z. B. Erde, Abwasser, Obstanbau, Säugetiere…)
  • Bei Menschen und Tieren sind sie natürliche Bewohner des Darmtrakts, der Haut und der
    Schleimhäute
  • MSB sind ebenfalls auf Oberflächen vieler pflanzlicher Lebensmittel vorhanden (z. B. Obst
    und Gemüse), aber auch in frischer Milch von Kühen, Ziegen und Schafen

Bedeutung

  • MSB werden in einigen Lebensmitteln gezielt als „Fermenter“ eingesetzt wie z. B. bei Joghurt,
    Quark, viele Käsesorten, Sauerteig, Sauerkraut und Rohwurst. → erhöhte Keimzahlen an
    MSB sind bei diesen Lebensmitteln zu erwarten und erwünscht. Die aerobe mesophile
    Keimzahl (Gesamtkeimzahl) ist deshalb neben den MSB bei diesen Lebensmitteln
    entsprechend hoch und kann nicht als Hygiene- oder Verderbnisparameter bewertet werden
  • Durch die Milchsäuregärung wird der pH-Wert abgesenkt, wodurch das Wachstum von
    anderen Bakterien beeinträchtigt werden kann. Dieser Effekt der Fermentation ist
    entscheidend für den Geschmack und die Haltbarkeit dieser Lebensmittel
  • MSB können aber auch als Verderbniserreger eine Rolle spielen, wenn es zu einer
    unkontrollierten Fermentation kommt. Das Produkt kann übersäuern, Fehlaromen oder auch
    Gasbildung entwickeln und dadurch verderben.

Vermehrungsbedingungen

  • Temperatur:
    • Optimum: +30 °C bis +40 °C
    • Minimum: +10 °C (abhängig vom Vertreter)
    • Im Allgemeinen keine Vermehrung bei über +50 °C
  • pH-Wert: Wachstum bei pH 4,0 bis 6,5 (Ausnahmen sogar bis pH 3,0)
  • aw-Wert: Vermehrung bei einer Wasseraktivität von min. 0,94
  • Sauerstoffbedarf: aerotolerant, anaerober Stoffwechsel

Abtötung durch Erhitzen

  • Bei +72 °C für min. 2 Minuten Einwirkzeit (Achtung: Kerntemperatur kontrollieren). Es gibt einige Ausnahmen, die auch hohe Temperaturen überleben können. Allerdings sind sie dabei bei Weitem nicht so stabil wie Sporen.
Mögliche Ursachen für überhöhte Keimzahlen Vorschläge für Maßnahmen
Fehler bei der Reinigung und Desinfektion:
Die Folge sind Kontaminationen von Lebensmitteln durch z.B. mikrobiell verunreinigte Arbeitsgeräte, -gegenständen, -oberflächen oder Maschinen
  1. Durchführung der Reinigung und Desinfektion überprüfen:
    1. Hygieneplan
    2. Durchführung der Reinigung und Desinfektion z. B. Dosierung des Desinfektionsmittels, Einwirkzeit, Einsatz geeigneter und sauberer Materialien und Reinigungstücher
  2. Feuchtigkeitsreste und Biofilme vermeiden. Auf gute Abtrocknung der Anlagen, Geräte und Oberflächen achten
  3. Schulung der Mitarbeiter bzgl. potenzieller Fehler sowie Verbesserungsmaßnahmen
  4. Reinigung und Desinfektion wiederholen
  5. Erfolgskontrolle durch visuelle Vor-Ort-Kontrollen, Umgebungsuntersuchungen und Nachuntersuchungen
Fehler bei der Kühlung oder zu lange Haltbarkeitsdauer:
Die Folge ist eine zu starke Vermehrung von Mikroorganismen aufgrund von Unterbrechungen der Kühlkette, zu hohe Lagertemperaturen oder einer Überlagerung (zu lange Haltbarkeit) der Lebensmittel
  1. Rückverfolgbarkeit der Kühlkette beim Transport bzw. Lieferant einfordern
  2. Eingangs- und Lagertemperatur kontrollieren
  3. Kühltemperaturen bzw. Kühlketten bei der Verarbeitung, Transport und Verkauf kontrollieren
  4. Bei Verdacht auf Überlagerung (bzw. zu langer Haltbarkeit) entsprechende Lagertests durchführen
  5. Erfolgskontrolle durch Nachuntersuchungen
Fehler beim Erhitzen, Warmhalten oder Abkühlen:
Die Folge ist eine unzureichende Abtötung von Mikroorganismen aufgrund unzureichender Erhitzung oder eine starke Keimvermehrung aufgrund zu niedriger Warmhaltetemperaturen in Verbindung mit zu langen Abkühlphasen
  1. Prozesse, Produktionsprotokolle und Dokumentationen prüfen
  2. Abtötung der meisten Bakterien ab einer Kerntemperatur von +72 °C für min. 2 Min. Ausnahmen sind z.B. hitzestabile Sporen und Toxine. In diesen Fällen sind deutlich höhere Temperaturen und Zeiteinwirkung erforderlich. Weitere Angaben dazu finden Sie z.B. in den jeweiligen Infoblättern (Steckbriefen)
  3. Richtigkeit der Prozesse und Temperaturen kontrollieren
    1. Im Allgemeinen sind Warmhalte-temperaturen von über +60°C erforderlich
    2. Schnelle Abkühlung: nach 3 Stunden muss eine Kerntemperatur von min. +7°C erreicht sein (besondere Vorsicht ist bei großen Mengen erforderlich)
  4. Erfolgskontrolle durch Nachuntersuchungen
Unzureichende Trennung von „rein und unrein“:
Die Folge sind unerwünschte Verunreinigungen reiner Arbeitsbereiche, Geräte oder keimarmer Lebensmittel mit Mikroorganismen, die von „unreinen“ Tätigkeiten oder Lebensmitteln mit hoher Keimbelastung stammen (Kreuz-kontaminationen)
  1. Arbeitsorganisation im Betrieb überprüfen
    1. getrennte Arbeitsbereiche, Arbeitsgeräte und -gegenstände für rohe und verarbeitete Lebensmittel
    2. Trennung „reiner“ und „unreiner“ Bereiche und Tätigkeiten
  2. Schulung der Mitarbeiter bzgl. potenzieller Fehler sowie Verbesserungsmaßnahmen
  3. Erfolgskontrolle durch visuelle Vor-Ort-Kontrollen und Nachuntersuchungen
Einsatz mikrobiell belasteter Rohstoffe oder Zutaten:
Sind im Prozess keine sicheren Abtötungsschritte vorhanden, können die daraus hergestellten Lebensmittel potenziell mikrobiell belastet sein
  1. Kontrolle der Produkte am Wareneingang auf z. B. Eingangs- bzw. Transporttemperatur, Haltbarkeit, Verpackung, Abweichungen bzw. Auffälligkeiten
  2. Dies gilt ebenso für die Ware vor dem Einsatz in der Produktion. Im Zweifelsfall sind Lebensmittel nicht zu verwenden und Vorgesetzten fragen
  3. Mikrobiologische Spezifikationen überprüfen. Eventuell auch Laboruntersuchung verdächtiger Produkte veranlassen oder Ergebnisse vom Lieferanten anfordern
  4. Erfolgskontrolle durch Nachuntersuchungen
Fehlerhafte Reife- und Fermentationsprozesse:
Die Folge sind z.B. unerwünschte Vermehrung oder eine unzureichende Abtötung von Mikroorganismen
  1. Prozesse, Umgebungsbedingungen, Produktionsprotokolle und Dokumentationen prüfen
  2. Erfolgskontrolle durch Nachuntersuchungen

 

Weitere Informationen und Literatur

www.bfr.bund.de unter: „Lebensmittelsicherheit“ → „Mikrobielle Risiken von Lebensmitteln“

www.bmel.de unter: „Themen“ → „Verbraucherschutz“ → „Lebensmittelsicherheit“

www.bvl.bund.de unter: „Arbeitsbereiche“ → „Lebensmittel“→ „Unerwünschte Stoffe und Organismen“

www.laves.niedersachsen.de unter: „Lebensmittel“ → „Lebensmittelhygiene“

www.lgl.bayern.de unter: „Lebensmittel“ → „Hygiene“

www.rki.de unter: „Infektionskrankheiten A-Z“/ „Mikrobiologische Diagnostik A-Z“