Steckbrief zu „Pluralibacter gergoviae (ehemals Enterobacter gergoviae)“

Steckbrief zu „Pluralibacter gergoviae (ehemals Enterobacter gergoviae)“

Steckbrief zu „Pluralibacter gergoviae (ehemals Enterobacter gergoviae)“

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Steckbrief zu „Pluralibacter gergoviae (ehemals Enterobacter gergoviae)“ in Kosmetika 

Allgemeines
Pluralibacter gergoviae gehört zur Familie der Enterobacteriaceae. Er ist von besonderer Bedeutung für Kosmetika, da er einerseits Infektionen auslösen kann und gleichzeitig bei unzureichender Konservierung in wasserhaltigen Kosmetika überleben und wachsen kann. Ein Nachweis dieser Bakterien kann auf unzureichende Hygienemaßnahmen während der Herstellung, der Abfüllung oder Lagerung hindeuten. Dabei spielt in der Regel der Hygienestatus des eingesetzten Wassers (Produktionswasser, Wasser für Reinigungszwecke sowie für Entwicklungsmuster) eine wichtige Rolle. In kosmetischen Mitteln wird gemäß der BfR Stellungnahme Nr. 038/2020 vom 07.09.2020 die Abwesenheit von Pluralibacter gergoviae gefordert.

Eigenschaften

  • Stäbchenförmige Bakterien
  • Gram-negativ
  • Oxidase-negativ
  • Katalase-positiv

Herkunft / Auftreten

  • In unserer Umwelt weit verbreitet (z. B. Pflanzen, Erde, Wasser, Darm von Menschen und Tieren).
  • Typische Eintrittswege in Kosmetika:
    • Produktionswasser (z.B. aufgrund von Biofilmen in Leitungen, Tanks, Schläuchen oder stagnierendem Wasser)
    • Wasser für Reinigungszwecke bzw. Reinigungslösungen
    • Produktionsanlagen (Schläuche, Pumpen, Rührwerke, Füllmaschinen)
    • Rohstoffe, insbesondere wasserhaltige Zutaten oder Rohstoffe pflanzlicher Herkunft

Bedeutung

  • Pluralibacter gergoviae spielt in Kosmetika mit hohem Wassergehalt eine wichtige Rolle, da diese Bakterien insbesondere bei immungeschwächten Menschen Infektionen auslösen können.
  • Pluralibacter gergoviae kann in Kosmetikprodukten wegen des sogenannten "Phönix-Effekts" zu Problemen führen. Dieser Effekt beschreibt ein verzögertes Wachstum oder ein wieder eintretendes Wachstum des Bakteriums im Produkt, was zu unerwarteten Kontaminationen und Rückrufen führen kann.
  • In der Wasserhygiene spielt Pluralibacter gergoviae als Indikatorkeim und potenzieller Infektionserreger eine wichtige Rolle. Er deutet im Prozess-, Trink- und Mineralwasser, aber auch in Badewasser auf Verunreinigungen, Biofilme und Infektionsgefahren hin.
  • In der Vergangenheit führte die Anwesenheit von Pluralibacter gergoviae in kosmetischen Produkten in zahlreichen Fällen zu Rückrufen. Betroffene Produkte waren z.B. Babyshampoo, Babycreme, Duschgel, oder Zahnpasta.

Vermehrungsbedingungen

  • Temperatur:
    • Optimum: +25 °C bis +37 °C
    • Minimum: +5 °C
    • Im Allgemeinen keine Vermehrung bei über +50 °C
  • pH-Wert: Wachstum bei pH 5,0 bis 8,0.
  • aw-Wert: Vermehrung bei einer Wasseraktivität von min. 0,95.
  • Sauerstoffbedarf: Wachstum mit und ohne Sauerstoff (fakultativ anaerob).

Abtötung durch Erhitzen

  • Bei +72 °C für min. 2 Minuten Einwirkzeit (Achtung: Kerntemperatur kontrollieren).
Mögliche Ursachen für überhöhte Keimzahlen Vorschläge für Maßnahmen
Fehler bei der Reinigung und Desinfektion:
Die Folge sind Kontaminationen von Kosmetika durch z.B. mikrobiell verunreinigte Arbeitsgeräte, -gegenständen, -oberflächen, Maschinen oder mangelnder Produktionshygiene
  1. Durchführung der Reinigung und Desinfektion überprüfen:
    1. Hygieneplan mit Angaben zur Durchführung der Reinigung und Desinfektion z. B. Dosierung, Einwirkzeit, Einsatz geeigneter und sauberer Materialien und Reinigungstücher
  2. Schulung der Mitarbeiter bzgl. potenzieller Fehler sowie Verbesserungsmaßnahmen
  3. Erneute Reinigung und Desinfektion
  4. Erfolgskontrolle durch Vor-Ort-Kontrollen und Nachuntersuchungen (z. B. auch Abklatsch- und Abstrichuntersuchungen)
Einsatz von mikrobiell verunreinigtem Wasser:
Wenn zur Reinigung oder Produktion mikrobiell belastetes Wasser eingesetzt wird und sich in den weiteren Produktionsschritten keine sicheren Abtötungsschritte befinden, ist das Produkt dadurch ebenfalls potenziell mikrobiell belastet
  1. Wasseranlagen und Leitungssysteme auf korrekte Funktion und Zustand prüfen. Stagnation von Wasser in z.B. Leitungen, Anlagen, Schläuchen… unbedingt vermeiden
  2. Wasseranlage und Leitungssystem regelmäßig mikrobiologisch und technisch überprüfen (Wartungsintervalle beachten)
  3. Im Falle von Kontaminationen von Wassersystemen sofort reagieren und Maßnahmen einleiten. Nach Bedarf entsprechende Fachfirmen hinzuzuziehen
  4. Erfolgskontrolle durch regelmäßige Nachuntersuchungen
Einsatz mikrobiell belasteter Rohstoffe:
Wenn zur Produktion mikrobiell belastete Rohstoffe eingesetzt werden und sich in den weiteren Produktionsschritten keine sicheren Abtötungsschritte befinden, ist das Produkt dadurch ebenfalls potenziell mikrobiell belastet
  1. Kontrolle der Produkte am Wareneingang auf z. B. Haltbarkeit, Verpackung, Abweichungen bzw. mikrobiologische Auffälligkeiten
  2. Dies gilt ebenso für die Ware vor dem Einsatz in der Produktion. Im Verdachtsfall Rohstoffe nicht verwenden
  3. Mikrobiologische Spezifikationen überprüfen. Eventuell auch Laboruntersuchung verdächtiger Produkte veranlassen oder Ergebnisse vom Lieferanten anfordern
  4. Erfolgskontrolle durch Nachuntersuchungen
Fehlerhaftes Konservierungssystem:
Ein unzureichendes Konservierungssystem hat eine unerwünschte Vermehrung oder unzureichende Abtötung von Mikroorganismen zur Folge
  1. Einhaltung der Rezeptur sicherstellen
  2. Eventuell Konservierungsbelastungstest (Challenge-Test) durchführen
  3. Eventuell Konservierungssystem anpassen
  4. Erfolgskontrolle durch einen erneuten Konservierungsbelastungstest
Produktionsfehler:
Fehlerhafte Prozesse, z.B. durch unzureichende Mischzeiten, Rezepturabweichungen, unzureichende Erhitzung oder Kreuzkontamination
  1. Produktionsprozesse prüfen und dokumentieren
  2. Schulung des Personals
  3. Erfolgskontrolle durch regelmäßige mikrobiologische Produktuntersuchungen
Unzureichende Trennung von „rein und unrein“:
Die Folge sind unerwünschte Verunreinigungen reiner Arbeitsbereiche, Geräte oder keimarmer Rohstoffe/Produkte mit Mikroorganismen, die von „unreinen“ Tätigkeiten oder Rohstoffen mit hoher Keimbelastung stammen (Kreuz-kontaminationen)
  1. Arbeitsorganisation im Betrieb überprüfen
    1. getrennte Arbeitsbereiche, Arbeitsgeräte und -gegenstände
    2. Trennung „reiner“ und „unreiner“ Bereiche und Tätigkeiten
  2. Schulung der Mitarbeiter bzgl. potenzieller Fehler sowie Verbesserungsmaßnahmen
  3. Erfolgskontrolle durch Vor-Ort-Kontrollen und Nachuntersuchungen

 

Weitere Informationen und Literatur

https://www.bfr.bund.de/cm/343/hautcremes-make-up-und-shampoos-sollten-frei-von-pluralibacter-gergoviae-sein.pdf

http://www.bfr.bund.de/de/a-z_index/enterobacter_gergoviae-31552.html

https://www.bfr.bund.de/produktsicherheit/gesundheitliche-bewertung-von-kosmetischen-mitteln/

Fachgruppe Mikrobiologie und Betriebshygiene der DGK e.V.
Allgemeine Informationen und Publikationen
https://dgk-ev.de/mikrobiologie-und-betriebshygiene

Fachbuch „DGK-Betriebshygiene in der Kosmetik“
https://www.sofw.com/de/shop/buecher/product/386-dgk-betriebshygiene-in-der-kosmetik-2-ueberarbeitete-ausgabe-2019

Fachbuch „DGK-Konservierung kosmetischer Mittel“
https://www.sofw.com/de/shop/buecher/product/66-dgk-konservierung-kosmetischer-mittel

Fachbereich Kosmetika in der Arbeitsgruppe Lebensmittelchemie, Kosmetik, Gebrauchsgegenstände
der GÖCH
Allgemeine Informationen und Leitfäden
https://www.goech.at/arbeitsgruppen/lebensmittel%2C-kosmetik-%26-gebrauchsgegenst%C3%A4nde

ISO-Norm 17516 zu mikrobiologischen Grenzwerten
https://www.beuth.de/de/norm/din-en-iso-17516/203537217

ISO-Norm 29621 zur Einstufung mikrobiologisch risikoarmer Produkte
https://www.beuth.de/de/norm/din-en-iso-29621/263888044